Revolutionslexikon

Seitdem in der Russischen Revolution von 1905 die Belegschaften von St. Petersburger Industriebetrieben Arbeiterräte als Organe der Selbstorganisation und Repräsentanz gewählt hatten, galten solche Gremien als mögliche Formen, den politischen Willen der (sozialistischen) Arbeiterschaft in Umbruchsituationen zu artikulieren und durchzusetzen. In der deutschen Revolution vom November 1918 wählten vor diesem Hintergrund einerseits revoltierende Matrosen und Soldaten Gremien, die nach der Entmachtung der Offiziere ihre Schiffe bzw. Einheiten führen sollten – die Soldatenräte. Andererseits wählten die Belegschaften der lokalen Industriebetriebe analoge Selbstverwaltungsgremien – die Arbeiterräte. In Halle organisierte die USPD über ihre Vertrauensleute in den Betrieben am 8. November 1918 die Wahl von Delegierten zum lokalen Arbeiterrat; die USPD dominierte folglich dieses Gremium. Der von den verschiedenen Einheiten der halleschen Garnison am gleichen Tag gewählte Soldatenrat dagegen war politisch heterogener zusammengesetzt und in der Folge oft anderer Meinung als der Arbeiterrat. Vertreter beider Räte bildeten gemeinsam den Arbeiter- und Soldatenrat als übergeordnetes revolutionäres Herrschaftsorgan in der Stadt. In den folgenden Monaten blieb das Rätesystem „im Fluss“, d.h. die halleschen Räte wurden mehrfach neu gewählt und umorganisiert. Letztlich erwiesen sich die Räte in Halle und andernorts als ein großes Experiment zur Lösung der Frage, wie sich eine Gesellschaft in anderer Form demokratisch organisieren könne als über ein parlamentarisches System.

Der 1867 geborene Max von Baden, Thronfolger des Großherzogtums Baden wurde am 3. Oktober 1918 von Kaiser Wilhelm II. zum Reichskanzler ernannt. Da er als liberal galt, sollte seine Ernennung sowohl den Kriegsgegnern als auch der deutschen Öffentlichkeit die Bereitschaft zu Reformen signalisieren. In der Tat bildete er eine Regierung, der erstmals auch sozialdemokratische Staatssekretäre angehörten. Die Regierung begann Waffenstillstandsverhandlungen und brachte Gesetze in den Reichstag ein, um Deutschland in eine parlamentarische Monarchie zu verwandeln. Max von Baden vermochte aber nicht, Wilhelm II. zum Rücktritt zu bewegen – worauf sowohl die Kriegsgegner, als auch die Sozialdemokraten bestanden, um den Reformprozess glaubhaft zu machen. Als die von den am 29. Oktober beginnenden Matrosenaufständen ausgehende revolutionäre Bewegung nicht mehr einzudämmen war, Wilhelm II. seine Abdankung aber weiter hinauszögerte, gab Max von Baden sie am 9. November 1918 eigenmächtig bekannt. Zugleich übergab er sein Amt als Reichskanzler an den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Friedrich Ebert. Staatsrechtlich war dieser Schritt gar nicht möglich, aber er signalisierte doch eine gewisse Kontinuität der Regierung und erleichterte der Beamtenschaft die Akzeptanz des neuen Regimes.

Der 1871 in Heidelberg geborene Friedrich Ebert lernte den Beruf des Sattlers, wurde 1889 Mitglied der SPD und arbeitete ab 1893 hauptamtlich für die Partei, zunächst als Redakteur der bremischen Parteizeitung. Im Jahr 1905 in den SPD-Vorstand gewählt avancierte er 1913 neben Hugo Haase zum Vorsitzenden der Partei. Ein Jahr zuvor war er für den Wahlkreis Wuppertal in den Reichstag gewählt worden. Während des Ersten Weltkrieges trat Ebert vehement für die Unterstützung der deutschen Kriegsanstrengungen ein, obwohl oder auch weil zwei seiner Söhne als Soldaten in diesem Krieg fielen. Am 9. November 1918 bildete Ebert aus je drei Vertretern von SPD und USPD eine Revolutionsregierung, den „Rat der Volksbeauftragten“. Er hielt konsequent an seinem Ziel fest, Deutschland in eine parlamentarische Demokratie zu verwandeln und zugleich die praktischen Probleme der Übergangszeit – vom Friedensschluss über die Demobilisierung von Millionen Soldaten bis zur Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung – zu lösen. Zu diesem Zweck setzte er auf ein Bündnis mit dem alten Militär- und Verwaltungsapparat und war zur Gewaltanwendung gegen linke Aufständische, streikende Arbeiter und in der Revolution entstandene republikanische Truppenverbände (wie die „Volksmarinedivision“) bereit, die dem Offizierskorps ein Dorn im Auge waren. Damit wurde Ebert zu einem der zu Lebzeiten wie in der Geschichtsschreibung umstrittensten Politiker der deutschen Geschichte.

Der 1867 in Berlin geborene Kurt Eisner trat 1898 in die SPD ein und arbeitete vor allem journalistisch für sie. Innerhalb der Partei tat sich der Bildungsbürger Eisner schwer mit der klaren Zuordnung zu einem der Flügel. Von 1910 an war Eisner für die sozialdemokratische Zeitung Münchner Post tätig. Als Kriegsgegner stieß Eisner im Jahr 1917 zur USPD und gehörte fortan zu deren Köpfen in Bayern. Am 7. November 1918 war er einer der Hauptredner der Großdemonstration auf der Münchner Theresienwiese, aus der heraus die lokale Revolution entstand. In der folgenden Nacht wurde Eisner vom neu gebildeten Münchner Arbeiter- und Soldatenrat zum bayerischen Ministerpräsidenten bestimmt und rief die bayerische Republik aus. Damit war die bayerische die erste der deutschen Monarchien, die nun stürzten. Eisner regierte Bayern mit einer USPD-SPD-Koalition bis zum 21. Februar 1919. An diesem Tag wollte er zurücktreten, nachdem seine Partei bei den Landtagswahlen vom 12. Januar 1919 weniger als drei Prozent der Stimmen erhalten hatte. Doch auf dem Weg zu seiner Rücktrittsrede im Landtag wurde Eisner von dem rechtsradikalen Offizier Anton Graf von Arco ermordet.

An ihren Fahnen konnte man in den Revolutionsmonaten die politische Haltung der sie hissenden oder tragenden Menschen erkennen: Wer eine schwarz-weiß-rote Fahne bevorzugte, bekannte sich zur alten Ordnung des Kaiserreichs. Wer eine schwarz-rot-goldene Fahne zeigte, trat damit für eine parlamentarische Republik ein. Und wer sich schließlich unter einer roten Fahne versammelte, der oder die wollte die Revolution in Richtung sozialistischer Ziele (Vergesellschaftung der Industrie und politische Herrschaft der Arbeiterklasse) weitertreiben.

Der 1847 geborene Paul von Hindenburg wurde 1914/15 zu einem Nationalhelden, weil es der von ihm kommandierten Armee gelang, Ostpreußen gegen ein überlegenes russisches Heer zu behaupten. Im August 1916 wurde er zusammen mit seinem Stabschef Erich Ludendorff an die Spitze der Obersten Heeresleitung (OHL) berufen. Während Ludendorff am 26. Oktober 1918 vom Kaiser entlassen wurde (er galt als Hauptverantwortlicher für die Kriegsniederlage und zugleich als unberechenbares Risiko für die Friedensbemühungen), blieb Hindenburg bis zum 25. Juni 1919 als Heereschef im Amt. Er symbolisierte in dieser Funktion den Fortbestand funktionierender Kommandostrukturen über die Revolution hinweg. Gegenüber der Revolutionsregierung vertrat Hindenburg zusammen mit seinem Stabschef Wilhelm Groener die Interessen des Offizierskorps, d.h. im Wesentlichen die Aufrechterhaltung traditioneller Hierarchien und Handlungsmuster des Militärs.

Der 1879 geborene Otto Kilian erlernte dem Beruf des Schriftsetzers und arbeitete ab Jahr 1906 als Journalist für sozialdemokratische Zeitungen, zunächst in Solingen, dann in Kassel. Im November 1913 wechselte er als Redakteur zur halleschen Tageszeitung der SPD, dem Volksblatt. Zwischen August 1915 und März 1918 leistete Kilian Kriegsdienst, danach wurde er für seine journalistische Arbeit beim Volksblatt freigestellt. Kilian galt als Kriegsgegner und schloss sich – wie fast alle sozialdemokratischen Funktionäre Halles – der USPD an. Er exponierte sich aber zunächst nicht als besonders radikal, zumal sein spezielles Interesse eher „undramatischen“ Themen wie dem Schulwesen und der Kommunalpolitik galt. Am 8. November 1918 wurde Kilian zum stellvertretenden Vorsitzenden des Arbeiterrates sowie in den Vollzugausschuss des Arbeiter- und Soldatenrates gewählt. Von diesen Funktionen aus führte er de facto beide Räte bis zu seiner Verhaftung am 3. März 1919. Er verdankte diese Rolle einerseits seiner öffentlichen Bekanntheit als Journalist, andererseits dem Umstand, dass andere lokale Repräsentanten der USPD wie die Reichstagsabgeordneten Fritz Kunert und Adolf Albrecht (letzterer nomineller Vorsitzendet des halleschen Arbeiterrates) überlokale Funktionen ausübten und oft außerhalb Halles unterwegs waren. Kilian wurde zur dominanten Persönlichkeit unter den örtlichen Revolutionären; der konservative Oberbürgermeister Richard Robert Rive bezeichnete ihn Anfang 1919 spöttisch als „König von Halle“. Das lokale Bürgertum hielt Kilian für einen finsteren Verschwörer und radikalen Revolutionär, zu letzterem scheint zu passen, dass Kilian sich in den 1920er Jahren zunächst für die KPD, dann für den von dieser abgespaltenen „Leninbund“ engagierte. Während der Revolutionsmonate agierte Kilian aber meist pragmatisch und versuchte, Gewalt durch Verhandeln zu vermeiden sowie die Bewegung der halleschen Arbeiter in aus seiner Sicht geordnete Bahnen zu lenken. Für die 1919 gegen Kilian erhobenen Vorwürfe, er habe heimlich Tausende Arbeiter bewaffnet, fehlt es an jedem Beleg.

Der 1850 geborene Fritz Kunert arbeitete zunächst als Volksschullehrer, dann ab 1889 als Journalist für sozialdemokratische Zeitungen. Im Jahr 1890 gewann Kunert erstmalig das Reichstagsmandat für den Wahlkreis Halle/Saalekreis. Mit kurzen Unterbrechungen (1893 – 1896 und 1907 – 1909) behauptete er diesen Reichstagssitz bis zur Revolution von 1918. Im Januar 1919 wurde er für die USPD in die Nationalversammlung gewählt. Kunert war auf Reichsebene „der“ Repräsentant des sozialistischen Halles, in der Stadt aber gerade wegen dieser Tätigkeit auf nationaler Ebene nur sporadisch präsent, häufig in der Funktion des prominenten Versammlungsredners.

siehe Spartakusbund.

siehe Spartakusbund.

Nach der preußischen Städteordnung bildete der hallesche Oberbürgermeister (seit 1906: Richard Robert Rive) zusammen mit den haupt- und ehrenamtlichen Beigeordneten die „Regierung“ der Stadt, den Magistrat. Gewählt wurden diese Amtsträger von der Stadtverordnetenversammlung – dem „Parlament“ der Stadt. Die Stadtverordneten ihrerseits wurden von der (männlichen) Bürgerschaft nach dem Dreiklassenwahlrecht gewählt. Das hieß: Die Wahlberechtigten wurden je nach ihrer Steuerleistung einer Wählerklasse zugeteilt: In der ersten Klasse wählten die (sehr wenigen) Bürger, die am meisten Steuern zahlten und zusammen ein Drittel der Gesamtsteuern aufbrachten. Auch auf die zweite Klasse entfiel ein Drittel der Gesamtsteuerleistung; in ihr wählte jene immer noch relativ kleine Gruppe der Bürger, deren individuelle Steuerleistung unter jener der reichen, aber noch über jener der ärmeren Steuerzahler lag. In der dritten Klasse wählte jene große Masse der Steuerzahler, die individuell sehr wenig Steuern zahlten, die sich aber addiert ebenfalls auf ein Drittel des Gesamtsteueraufkommens summierten. Jede Klasse wählte ein Drittel der Wahlmänner, die Wahlmänner wiederum wählten die Stadtverordneten. Dieses System garantierte eine Dominanz des Bürgertums und eine radikale Unterrepräsentation der Arbeiterschaft. Erst im März 1919 wurden die halleschen Stadtverordneten nach dem neu eingeführten gleichen Wahlrecht gewählt. Während der Revolutionsmonate standen sich folglich in Halle die Stadtverordneten als Repräsentanz des Bürgertums und der Arbeiterrat als Vertretung der Arbeiterschaft gegenüber.

Ende Oktober 1918 plante die deutsche Marineführung, die Flotte in die Nordsee auslaufen zu lassen und dort eine Schlacht gegen die britische Marine zu wagen. Die Matrosen der vor Wilhelmshaven liegenden Kriegsschiffe verweigerten ab dem 29. Oktober teilweise den Befehl zum Auslaufen, weil sie annahmen, die Admiräle wollten die Waffenstillstandsbemühungen der Regierung torpedieren und den Krieg fortsetzen. Die Meuterer wurde überwältigt, der Flottenvorstoß aber abgebrochen. Nachdem die Meuterer in Kiel inhaftiert worden waren, begann am 2. November eine Aufstandsbewegung unter den dort stationierten Marineeinheiten. Die Matrosen entwaffneten Offiziere, hissten rote Flaggen auf den Schiffen, verbündeten sich mit Kieler Arbeitern und brachten die Stadt bis zum 5. November unter ihre Kontrolle. Nicht nur die Nachricht vom lokalen Sieg der Matrosen löste in vielen Städten Deutschlands ähnliche Bewegungen aus, sondern es waren auch Kieler Matrosen selbst, welche die Ausbreitung der Revolution dadurch voranbrachten, dass sie sich per Bahn auf den Weg machten. Am 5. November erreichten Matrosengruppen Hamburg und Köln, am 6. Bremen, Hannover und Rostock, am 7. Frankfurt am Main und Berlin. Die Bedeutung der reisenden Matrosen lag zum einen darin, dass sie jeweils vor Ort Impulse für Aktionen gaben, zum anderen, dass schon ihre Ankunft jeweils den Zusammenbruch des militärischen Apparates, die Hilflosigkeit des alten Regimes und die Möglichkeit eines Siegs der Revolutionäre zu beweisen schien. Auch in Halle trafen Matrosen ein, nahmen an der Revolution teil und bauten eine „Matrosenkompanie“ zum Schutz der lokalen Revolution auf – hierzu werden Sie zu einem späteren Zeitpunkt weitere Informationen finden.

Seit dem Jahr 1906 (und bis 1933) amtierte der 1864 geborene Jurist Richard Robert Rive als hallescher Oberbürgermeister, nachdem er zuvor mehrere Jahre in der Stadtverwaltung Breslaus gearbeitet hatte. Rive war lokalpolitisch ein entschiedener Modernisier und zugleich in seiner allgemeinpolitischen Haltung dezidiert nationalkonservativ. So förderte er einerseits als Oberbürgermeister auch gegen Widerstände den Ankauf avantgardistischer zeitgenössischer Kunst durch das Museum Moritzburg, und trat andererseits 1917/18 für die radikalnationalistische Deutsche Vaterlandspartei sowie später für die Deutschnationale Volkspartei ein. Während der Revolutionsmonate vermied Rive eine offene Konfrontation mit dem von Otto Kilian geführten Arbeiter- und Soldatenrat, ohne aber dessen direkte Weisungsbefugnis gegenüber der Stadtverwaltung explizit anzuerkennen. Vielmehr verzögerte er Entscheidungen durch Verfahrenstricks und Vertagungen, vermutlich in der Hoffnung, die politische Gesamtlage werde sich schon noch zu Ungunsten der halleschen Revolutionäre verändern.

Die so bezeichnete Virus-Pandemie kam im April 1918 mit amerikanischen Truppen nach Frankreich und breitete sich von hier aus zunächst in Europa, dann rund um den Globus aus. Ihren Namen verdankt sie dem Umstand, dass die Presse im neutralen Spanien sehr früh und offen über die Grippewelle berichtete, während die unter Zensur stehenden Zeitungen der kriegführenden Staaten spät und zurückhaltend berichteten. Die Schätzungen über die Opferzahlen gehen bis heute weit auseinander, von 25 bis 50 Millionen Toten weltweit ist die Rede. In jedem Fall forderte die Spanische Grippe innerhalb eines guten Jahres mehr Opfer als die vierjährigen Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges. In Deutschland erreichte die Grippewelle im Juni 1918 einen ersten Höhepunkt, im Herbst 1918 und Frühjahr 1919 folgten weitere Wellen. Die Zahl der Todesopfer in Deutschland wird auf etwa 350.000 geschätzt, in Halle dürften während der Revolutionsmonate mehrere Hundert Menschen an der Grippe gestorben sein.

Der Spartakusbund entstand im Jahr 1916 als reichsweite Organisation linkssozialistischer Kriegsgegner innerhalb der SPD. Bei deren Spaltung im Jahr 1917 schloss sich der Bund der USPD an, blieb aber organisatorisch selbständig. Zum Jahreswechsel 1918/19 ging der Spartakusbund in der neugegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) auf. Das wesentliche Ziel des Spartakusbundes im Herbst 1918 bestand darin, eine auf die Räte gegründete sozialistische Staats- und Gesellschaftsform zu schaffen – auch gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit, aber doch getragen von einer Mehrheit der „klassenbewussten“ Arbeiterschaft. Die Proletarier mussten aus Sicht des Spartakusbundes erst noch über ihre „wahren“ Interessen aufgeklärt werden, weswegen die „Spartakisten“ viel Wert darauf legten, sich Zeitungen anzueignen und Agitation zu betreiben. Dies mündete z.B. in Berlin mehrfach in putschistische Aktionen, denen aber nicht nur der erhoffte Massenzuspruch der Arbeiterschaft versagt blieb, sondern die in der Regel auch schlecht organisiert waren und blutig unterdrückt wurden. In Halle gründete sich eine Gruppe des Spartakusbundes bzw. der KPD erst im Januar 1919, mit etwa 60 Mitgliedern blieb sie aber zunächst eine Randerscheinung. Wichtig für den Verlauf der Revolution in Halle war somit nicht das Handeln der „Spartakisten“, sondern wichtig waren die Gerüchte, die im Bürgertum über sie umgingen. In diesen erschienen die „Spartakisten“ als die anonymen Hintermänner der revolutionären Ereignisse, die nach einem geheimen Plan auf eine terroristische Diktatur nach dem Vorbild der russischen Bolschewiki hinarbeiteten. Der „Spartakist“ war in diesem Sinne die Verkörperung aller bürgerlichen Revolutionsängste, aber selten eine konkrete Person. Immerhin galten die schon vor 1914 als intellektuelle Führer des linken SPD-Flügels bekannt gewordenen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg als die Gesichter und Köpfe des Spartakusbundes. Beide waren bereits während des Ersten Weltkrieges für die Arbeiterschaft zu Märtyrergestalten geworden, weil sie vom Staat wegen ihrer öffentlichen Kriegsgegnerschaft inhaftiert worden waren. Teile des Bürgertums wiederum glaubten in ihnen (fälschlicherweise) den deutschen Lenin zu erkennen und verwandelten ihre Revolutionsängste in öffentliche Hass-Parolen gerade gegen diese beiden Menschen. Die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch rechte Militärs am 15. Januar 1919 war Folge dieser Aufhetzung und befestigte den schon zuvor angelegten Märtyrernimbus dieser beiden in der Arbeiterschaft (bis weit in die SPD hinein). In der Summe sollte man weder den Einfluss des Spartakusbundes noch seiner Leitfiguren auf den Verlauf der Revolution überschätzen. Ihre eigentliche Bedeutung gewannen sie als Symbole, an denen sich die Geister öffentlich erkennbar schieden und anhand derer man chiliastische Ängste oder Hoffnungen erörtern konnte.

Die ab 1863 aus verschiedenen Vorläuferorganisationen entstandene Partei führte ab dem Jahr 1890 den Namen Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges stellte sie im Reichstag die größte Fraktion und war mit über einer Million Mitgliedern die mit weitem Abstand größte Partei Deutschlands. Ihre eigentliche Stärke aber beruhte darauf, dass sie die politische Repräsentanz eines durch eine Fülle von Organisationen – von den Gewerkschaften über die Konsumgenossenschaften bis zu Sport- und Gesangvereinen – umfassend integrierten Milieus der Industriearbeiterschaft war. Dieses gruppierte sich aufgrund ähnlicher Lebenslagen und –risiken seiner Mitglieder um einen zentralen Wert: die Solidarität untereinander. Dies verlieh auch der SPD im Kaiserreich trotz heftiger Flügelkämpfe Stabilität. Dennoch brach die Partei während des Ersten Weltkrieges auseinander. Die entschiedenen Kriegsgegner spalteten sich ab und gründeten die USPD, während die Mehrheit der Sozialdemokraten die Kriegsanstrengungen der Regierung unterstützte. Die Mehrheits-SPD (daher auch MSPD genannt) setzte 1917/18 auf ein Bündnis mit den Liberalen und der katholischen Zentrumspartei, um Reformen in Richtung parlamentarischer Demokratie und einen Kompromissfrieden zu erreichen. In der Revolution verfolgte sie diesen Kurs weiter, trat für die baldige Wahl einer Nationalversammlung nach gleichem, allgemeinem (erstmals auch Frauen einbeziehenden) sowie geheimem Wahlrecht ein. Schritte zu weitergehenden Ziele der Arbeiterbewegung (wie die Vergesellschaftung der Industrie) machte sie von parlamentarischen Mehrheiten abhängig. Dies und die von SPD-Politiker zu verantwortende Gewaltanwendung gegen Streik- und Aufstandsbewegungen entfremdete sie in der Folge Teilen ihrer Anhängerschaft. In der halleschen Arbeiterschaft dominierte 1918/19 die USPD, die SPD spielte hier nur eine randständige Rolle. Unter den in Halle stationierten Soldaten (und damit auch im Soldatenrat) war die SPD einflussreicher.

Nachdem sich die Mehrheit der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion im August 1914 dafür entschieden hatte, die Kriegsanstrengungen der Regierung zu unterstützen, entfremdeten sich die entschiedenen Kriegsgegner in der Partei immer stärker von den Kriegsbefürwortern. Im April 1917 gründeten die Kriegsgegner schließlich auf einem Kongress in Gotha die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Diese wird oft pauschal als „linke“ Abspaltung von der SPD bezeichnet, aber ganz korrekt ist das nicht. Auch bisherige Vertreter des „rechten“ Parteiflügels wie Eduard Bernstein schlossen sich der USPD an, weil sie zwar bekennende „Reformisten“ (und daher im Spektrum der SPD „rechts“ angesiedelt) waren, vor allem aber eben Kriegsgegner. In Halle entschieden sich fast alle Funktionäre und Mitglieder der bisherigen SPD für die Weiterarbeit in der USPD; Mitte 1918 gehörten ihr in der Stadt etwa 7.000 Mitglieder an, gegenüber nur knapp 100 Mitgliedern der „alten“ SPD. Auch die Infrastruktur der lokalen SPD – etwa die Tageszeitung „Volksblatt“ – ging in den Besitz der USPD über. Zudem verfügte die hallesche USPD (im Unterschied zur SPD) über ein dichtes Netz an Vertrauensleuten in den Betrieben und war so in der Lage, die Arbeiterschaft für ihre Ziele zu mobilisieren. Damit unterschied sich die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Halle (und seinem ähnlich strukturierten Umland) markant vom deutschen Durchschnitt. Hier dominierte eindeutig die SPD, nun auch MSPD (Mehrheits-SPD) genannt. In benachbarten Leipzig dagegen ähnelten die Verhältnisse jenen in Halle.

Im Jahr 1907 errichteten die halleschen Gewerkschaften und die SPD in der Burgstraße 27 den noch heute bestehenden „Volkspark“. Ermöglicht wurde dies durch Spenden und Eigenleistungen aus der Arbeiterschaft. Fortan bildete der „Volkspark“ als repräsentatives Versammlungslokal den politischen und kulturellen Mittelpunkt des lokalen Arbeitermilieus. Der große Saal bot bei Kundgebungen oder Theateraufführungen bis zu 3.000 Menschen Platz, eine Turnhalle trug den Bedürfnissen des Arbeitersports Rechnung, und mehrere kleinere Räume dienten Bildungsveranstaltungen, Chorproben von Arbeitergesangsvereinen, Kunstausstellungen und einer Arbeiterbibliothek. Daneben luden eine Gasstätte, Kegelbahnen und Kinderspielplätze zur Geselligkeit ein. Die Büros der SPD und der Gewerkschaften dagegen verblieben in den Gebäuden Harz 42/43, ab 1914 auch Harz 44. Die Entwicklung der halleschen SPD und später der USPD ließen auch den Volkspark zu klein werden. Daher fand z.B. die große Friedenskundgebung vom 7. November 1918, außer im Volkspark zeitgleich auch in der Gaststätte „Zum letzten Dreier“ (Merseburger Straße 32) statt.